Die Welt (vom 30.04.1999)

Top-Manager machen sich rar im Internet

Ihre Homepage haben sie alle im Internet. Daß man dort aber mit Erfolg nach Fach- und Führungskräften suchen kann, glaubt kaum einer der deutschen Personalberater. "Was soll ich in einem Dschungel von Lebensläufen, wenn ich eine Persönlichkeit suche?", fragt Werner Benning (42). Und sein Partner in der BwL Benning & Lohmar GmbH, Wolfram Lohmar (38), ergänzt: "Top-Leute treten da nicht auf." Die Düsseldorfer Personalberater sehen das Internet weniger als Quelle gestandener Kandidaten für die oberen Hierarchien in den Unternehmen, sagen aber ja, um sich dort als Mittler vorzustellen und um erste Kontakte zu knüpfen.

"Die Anzeige ist anonymer", meinen die Düsseldorfer Spezialisten für Rechnungswesen/Controlling, Marketing und Vertrieb. Also nutzen sie den elektronischen Laufsteg eher zur Selbstdarstellung etwa anstelle von Hochglanzbroschüren. Ihrer Homepage fügen sie eine Tabelle an mit aktuellen Offerten vom Chefbuchhalter bis zum hochspezialisierten Vertriebsingenieur. Darauf erwarten Benning und Lohmar keine ausgefeilten Bewerbungen, sondern erste telefonische Kontakte, um vorab die Spreu vom Weizen zu trennen. Internet als Instrument, den Markt abzutasten.

Da hat sich also schon eine Meinung gebildet unter deutschen Beratern: Wer seine persönlichen Daten freimütig ins Schaufenster des Internet stellt, wird als Persönlichkeit kaum geeignet sein, Führungspositionen einzunehmen. "Das Internet sollte man nutzen, aber persönliche Dinge haben dort nichts zu suchen", ist denn auch Wolfram Lohmars Meinung. Doch die will er zeitlich und auf Deutschland begrenzen, weil er es durchaus für möglich hält, daß auch am Standort D eine Tages mit individuellen Daten so freizügig umgegangen wird wie etwa in den USA.

In technischen Berufen biete das Internet die Möglichkeit, daß ein Kandidat dort seine Wissens- und praktischen Kenntnisse detailliert aufführt, um sich ganz gezielt anzubieten. Zu dem Phänomen, daß Firmen zum Teil viele Mitarbeiter im Internet suchen und um Bewerbungen per E-Mail bitten, fragt Werner Benning: "Wer soll in den Firmen die Berge von E-Mails bearbeiten und beantworten?" Wochen würden darüber vergehen. Ehe eine Personalabteilung reagieren könne, seien die guten unter den Bewerbern längst vom Markt. Das Internet als Instrument für Personalmarketing nennt man bei BwL "schnell und transparent", aber eher für die Suche nach jungen Leuten. "Für Fach- und Führungskräfte ist aber wegen der unabdingbaren Persönlichkeit das Internet nicht das richtige Medium", urteilt Werner Benning.

Ausgewogene Suche nach erstklassigen Mitarbeitern geht nach Lohmar nicht mit Schnelligkeit Hand in Hand. "Wer sich freitags bewirbt auf eine Anzeige, die erst samstags erscheint, der ist in den seltensten Fällen der geeignete." Wer aber nach einer Woche anfrage, was es im Detail mit der Offerte vom Samstag auf sich habe, der errege schon eher seine Aufmerksamkeit. "Der hat noch nicht losgelassen", weiß Lohmar. Das sei ein Kandidat, der sich Zeit lassen könne, weil er aus einer sicheren Position heraus den Markt erforsche. Die Erfahrung lehre, daß solche Kandidaten die besseren seien.

Befragt nach den Gründen, die erstklassige Leute zum Wechsel bewegten, zählt man bei BwL auf: Fusionen, bei denen Doppelbesetzungen vermieden werden müssen, Eintritt des Juniorchefs in die Firma, der nicht selten "seine" Leute installiere, Verkäufe von Firmen, die in andere integriert würden, wodurch Planstellen wegfielen, Kurskorrekturen in der Firmenphilosophie oder der Produktionsprogramme, die eine Führungskraft nicht mittragen möchte. Geld ist nach Benning und Lohmar nicht das erste Kriterium, um die Position zu wechseln. Geld ist in der Regel ein "Nebenprodukt".

Die Hektik des Wettbewerbs im Zuge der Globalisierung der Märkte kosten immer häufiger auch die Manager die Position, haben die Düsseldorfer festgestellt. Wie die Trainer der Fußballer würden sie freigesetzt, wenn der geschäftliche Erfolg hinter dem Plan zurückbleibe. "Versuchen wir es mal mit einem neuen", laute immer häufiger das Argument für einen solchen Führungswechsel.

"Das geschieht nicht selten aus reinem Selbstschutz", weiß Wolfram Lohmar. Mit "Schuldzuweisungen und Managerschmeißen" lenkt man elegant von der eigenen Unzulänglichkeit ab. Für den Berater, das räumen Werner Benning und Wolfram Lohmar gern ein, ist das eine unerquickliche Situation, die nur bestanden werden kann mit einer klaren Aussage zu solchen Vorfällen. "Sonst gibt man sich selbst auf." Freiwillig verabschiedet hat sich BwL von der bei vielen Beratern üblichen Anwesenheit bei Vorstellungsgesprächen der von ihnen rekrutierten Kandidaten. "Wir wollen unsere Kunden nicht durch unsere Präsenz in ihren Entschlüssen beeinträchtigen", lautet ihre Begründung.

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